Ausführlichere Textversion des Kirchenführers

Die Taufe - Eintauchen in die Gemeinschaft der Heiligen

 

Der Taufstein erzählt


Der Taufstein ist eines der ältesten Zeugnisse in der heutigen Martinskirche. Über sein Alter ist im Laufe der Zeit schon viel spekuliert worden. Sicher ist nur, dass er bereits in der direkten Vorgängerkirche als Taufstein genutzt worden ist. Nach neuesten Untersuchungen ist er sehr wahrscheinlich im 13./14. Jahrhundert entstanden.

Der gotische, kelchartige Taufstein mit seinen beeindruckenden Maßen von 1,22 Meter Höhe und 1,10 Meter Breite zeigt, dass schon unsere Vorfahren die Taufe als ganz entscheidendes Element unseres christlichen Glaubens ansahen.

Früher war das große runde Taufbecken durch eine Holzplatte abgedeckt, im Jahr 1966 erhielt der Taufstein durch den Stuttgarter Künstler Ulrich Henn eine Abdeckung aus Bronzeguss in Form einer eindrucksvoll gestalteten Taufschale. In den Vierpassfeldern, die zugleich die Kreuzform aufnehmen, sind in vier Bildern Ausschnitte aus der Lebensgeschichte des Propheten Jona dargestellt: Jona flieht vor dem Auftrag Gottes – Jona erkennt bei einem Seesturm seine Schuld und lässt sich ins Meer werfen – Jona betet im Bauch des Fisches – Jona predigt in der Stadt Ninive.

Unser Taufstein hat in all den Jahrhunderten schon viel erlebt – er hat seine eigene Geschichte:

„Seit über 1300 Jahren gibt es Christen in Pfullingen. Menschen, die auf den Namen Jesu getauft sind. Wir wissen wenig über sie. Aber vielleicht stand bereits in unserem Vorgängerkirchlein schon ein stummer Zeuge, der bis heute unter uns ist, dieser Zeitgenosse der frühen Christenheit Pfullingens. Es ist unser Taufstein hier: mächtig und schlicht, einfach in der Form und doch schön und ehrwürdig. Wenn der reden könnte und erzählen!

Aber stellen wir uns doch einfach vor: er könnte sprechen. Dann würde er vielleicht so erzählen:

„Ja, ich bin der alte Taufstein. Ein unbekannter Steinmetz hat mir einst meine Form gegeben. Lange hatte er gesucht nach einem großen Steinklotz und dann hat er mich ausgewählt und zu arbeiten begonnen. Wir Steine sind es gewohnt, dass wir nicht beachtet werden. Wir werden zu Sand zermahlen, zu Kies zerstückelt, zu Zement verarbeitet. Aber aus manchem Stein wird etwas Besonderes: eine Statue, ein Denkmal, eine Figur.

Jener alte Steinmetz von damals hat begonnen, den Steinklotz, der ich war, zu bearbeiten: hat Kanten abgeschlagen, Ecken geschliffen. Es hat viel Schweiß gekostet, mir meine Form zu geben. Aber der Mann hat freudig und mit großem Eifer daran gearbeitet. Schließlich kamen viele Männer, haben mich in Tücher gehüllt, Seile um mich gebunden, mich auf Rollen gestellt und mich hierher gebracht. Und dann ist es Sonntag geworden. Festlich gekleidete Menschen sind in die Kirche gekommen. Mit Blumen haben sie mich geschmückt und feierliche, frohe Lieder gesungen. Wasser wurde in mein Inneres geleert und eine Gruppe von erwartungsvollen jungen Leuten ist vor mich getreten, die Vorfreude stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Und ein alter Pfarrer hat dreimal Wasser aus mir geschöpft, den jungen Leuten die Stirn damit benetzt und feierlich die Worte gesprochen: „Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und Sohnes und des Heiligen Geistes!“ Und dann ging ein frohes Aufleuchten über die Gesichter und die Gemeinde hat eingestimmt mit Dankliedern und Glückwünschen und ich wusste: nachher feiern sie ein Fest.

Ja, das ist lange her. Tausende und Abertausende von Pfullingern sind seitdem hier gewesen. Es war immer dasselbe. Und doch jedes Mal neu. Jedes Mal ein besonderer Mensch, jedes Mal ein eigenes Fest. Und wenn ich mich so umschaue: ich kenne viele hier. Große und Kleine. Kenne euch länger, als ihr euch selbst kennt. Als ganz kleine Kinder sind viele von euch da gewesen. Eure Eltern und Paten haben euch hergebracht und unter der Fürbitte der Gemeinde seid ihr getauft worden. Manche schreiend, weil sie Hunger hatten, manche haben geschlafen dabei. Manche sind erschrocken, wenn sie das Wasser auf ihrer Stirn gespürt haben, manche haben selig vor sich hin gelächelt.

Und wie viele Gedanken sind da mit im Raum gewesen, von Eltern und Angehörigen! Werden wir es recht machen? Was wird aus den Kindern werden? Wie dankbar wir doch sind, dass uns dieses kleine Wesen da anvertraut ist! Was wird unserem Kind das Leben bringen? Was für eine Zeit wird es sein, in die es hineinwächst?

Und sie alle durften hören: Gott ist mit euch. Euer Kind ist zugleich Kind Gottes! Er wird es mit seiner Liebe begleiten, in seiner Treue bewahren. Ihr müsst keine Angst haben. Gott ist mit euch. Ihr dürft euch freuen und euer Leben als kostbares Geschenk Gottes annehmen. Und wo ihr für ihn offen bleibt und seine Gaben an euch wirken lasst, da werdet ihr Glück und Segen und Geborgenheit und Frieden finden und auch in schweren Stunden Halt und Trost und Hoffnung in euch haben.

Und manchmal sind Menschen hier hergekommen: beladen mit Schuld, voller Ängste, umgetrieben von Sorgen, voller Zweifel im Herzen. Und da bedaure ich es dann, dass ich nicht wirklich reden kann, ich, der alte Taufstein. Denn wie gern würde ich ihnen zurufen: schaut hierher. Ihr seid getauft! Ich, der alte Taufstein, bin Zeuge. Ich war dabei und ich kann euch bestätigen, auch für dich gilt: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ Auch ein noch so verfahrenes Leben ist nicht ohne den Zuspruch eines neuen Anfangs und auch in Sorge und Kummer will Gott Freude und Leben und neue Hoffnung bringen.

Oft denke ich: es gibt doch nichts Schöneres für einen Stein, als ein Taufstein werden zu dürfen. Und dann denke ich weiter: wie schön müsste es doch sein, ein getaufter Mensch zu sein: einer der wissen darf: Gott ist mit mir, mir gilt seine Liebe, bei ihm bin ich angenommen, so wie ich bin und geborgen für alle Zeit und in Ewigkeit.

Und da wundere ich mich manchmal, dass die Taufe oft so wenig beachtet wird. Dass sie selbstverständlich gefeiert wird, so gelassen hingenommen. Und da würde ich dann gern wieder reden, wenn ich könnte und sagen: vielleicht wisst ihr gar nicht, welcher Trost, welche Freude, welche wunderbare Zusage in dem Wissen steckt: Ich bin getauft. Denkt doch darüber immer wieder nach! Ich glaube, ihr würdet fröhlichere, freiere und freundlichere Menschen sein, weniger verbissen, weniger ängstlich und viel mehr Frieden verbreitend.

So denke ich oft, ich, euer alter Taufstein aus der Martinskirche.“  


Diese Taufsteingeschichte hat der frühere Pfarrer an der Pfullinger Martinskirche (1975 – 1985) und spätere Dekan von Blaubeuren, Franz Härle (1944 – 2002), aufgeschrieben und erstmals beim Sommerfest der Pfullinger Kinderkirche am 5. Juli 1981 hier in der Martinskirche erzählt. 


Martin Fink         Stand: 28.10.2009

 

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Die Epitaphe - der Geschichte gedenken

 

Das Epitaph der Familie Johann Mayer des Reichen über dem Taufstein ist wohl die bedeutendste und zugleich älteste Gedenktafel in der Martinskirche.

Die Büsten von Amtsbürgermeister Johann Mayer der Reiche (1536 – 1611) und seiner Ehefrau Agnes, geborene Spring (1539 – 1614) in ihrer schlichten protestantischen Bürgertracht zählen zu den schönsten der Renaissance im südwestdeutschen Raum. Die Gedenktafel wird dem Balinger Bildhauer Simon Schweizer zugeschrieben und wurde kurz nach dem Tode des Ehepaares Mayer aus Lindenholz gefertigt.
Als zentrales Motiv in der Mitte ist über den Büsten des Stifterehepaares der gekreuzigte Christus und darunter seine Mutter Maria und der Jünger Johannes dargestellt. In Anlehnung an die beiden Vornamen des Ehepaares Mayer ist schräg links darüber Johannes der Täufer mit dem Lammfell und schräg rechts darüber die Heilige Agnes, eine Figur aus der römischen Christenverfolgung, zu sehen. Links oben ist Mose mit den Gesetzestafeln und rechts oben der Prophet Jesaja, der das Leiden und Sterben Christi geweissagt hat, dargestellt. Darüber steht der Pelikan, der sich die eigene Brust aufreißt, um seine Jungen im Nest unter sich ernähren zu können – ein Sinnbild für den Opfertod Jesu und die rettende Kraft für uns Menschen. Den unteren Abschluss der Gedenktafel bildet der Vogel Phönix, der sich aus Feuer und Asche erhebt – ein Sinnbild für die Auferstehung.

In seiner Funktion als Amtsbürgermeister war Johann (genannt Hans) Mayer der Reiche Gemeindevorstand des kleinen Dorfes Pfullingen mit knapp 2.000 Einwohnern. Er musste das Vermögen der Gemeinde verwalten, er hatte die sittliche und äußere Ordnung des Ortes aufrechtzuerhalten sowie die Befehle des Landesherren zu vollziehen. Aus diesem Grund hatte er auch noch das Richteramt inne. Hauptberuflich war Mayer Gastgeber und Betreiber des benachbarten Gasthofes „Lamm“, eine der seinerzeit größten Wirtschaften mit Übernachtungsmöglichkeit zwischen Reutlingen und der Schwäbischen Alb. Im Dorf Pfullingen hatten seinerzeit einige wenige, sehr begüterte Familien eine Art Vorherrschaft.

Die kostbare Ausschmückung des Epitaphs spiegelt die besondere Wohlhabenheit der Familie Mayer wider. Allerdings zeigt die Gedenktafel direkt unter den beiden Stifterbüsten auch die tragische Geschichte der Familie Mayer auf: Von den 14 Kindern stehen für die sehr früh verstorbenen Kinder Christof, Hans, Hans Ulrich, Conrad, Hans, Jörg, Conrad, Angnes, Angnes und Barbla die zehn kleinen roten Figuren. Nur vier Personen sind neben den Eltern schwarz und größer dargestellt und zeigen damit auf, dass von der großen Kinderschar der Familie nur Sohn Georg (genannt Jörg) und die drei Töchter Maria, Genoveva und Anna ein höheres Lebensalter erreicht haben. Es wird angenommen, dass viele der Kinder an der Pest gestorben sind.

 

An der Südwand des Kirchenschiffes hängt das Epitaph des Amtsbürgermeisters Johann Jacob Hänssler (1616 – 1680) und seiner Ehefrau Katharina, geborene Ergenzinger (1627 – um 1680). Katharina Hänssler war die Urenkelin von Amtsbürgermeister Johann Mayer der Reiche. Ihr Mann Johann Jacob Hänssler hatte neben seiner Bürgermeisterfunktion auch das Richteramt inne und war im Hauptberuf ebenfalls Gastgeber und Betreiber des Gasthofes „Lamm“. In Anlehnung an seinen Vornamen Jacob ist in der Mitte der Gedenktafel in einem frühbarocken Medaillon der Traum Jakobs von der Himmelsleiter dargestellt, darüber das Ehepaar Hänssler in gemalten Portraits. Beide tragen zeitgenössische Tracht, Johann Jacob Hänssler den Talar eines Richters.


Im Chorraum finden wir an der Nordseite, oberhalb des Einganges zur Sakristei, das Epitaph des Uracher Vogts Wolf Forstner (1620 – 1680) und seiner Ehefrau Maria Magdalena Löffler.
Wolf Forstner war laut Inschrift auch Patron der Martinskirche. In dieser Funktion hatte er das entscheidende Wort bei der Bestellung der Pfarrer an der Martinskirche und war zugleich gesuchter Ratgeber in wichtigen kirchlichen Fragen.

Forstner war in schwierigen Zeiten in Pfullingen tätig, als sich das Dorf anschickte, sich vom Oberamt Urach zu lösen, um endlich die Stadtrechte und ein eigenes Oberamt zu erhalten. Als gelehrter und weitgereister Mann war Forstner neben seiner Muttersprache noch der lateinischen, griechischen, französischen, italienischen und spanischen Sprache mächtig. Allerdings ist das Schicksal der Familie Forstner dem der Familie Mayer ähnlich: Von 10 Kindern starben sechs Kinder in jungen Jahren.

Das große Mittelbild der Gedenktafel stellt die Himmelfahrt Jesu dar. Über dem Mittelbild ist das Portrait von Wolf Forstner in einem Medaillon zu sehen. Links und rechts des Portraits knien zwei Barockengel, beide einen Federkiel in der Hand, der rechte Engel zusätzlich noch eine Waage haltend – zwei Hinweise auf das Ewige Gericht. Darüber halten zwei weitere Barockengel die Krone des Lebens.

 

Martin Fink         Stand: 28.10.2009

 

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Die Glocken - Rhythmus des Lebens und des Glaubens

 

Das Glockengeläut der Martinskirche geht bis in das frühe 15. Jahrhundert zurück. Die wohl älteste Glocke, die Ave-Maria-Glocke (Glocke in des) mit einem Gewicht von über zwei Tonnen stammte aus dem Jahr 1410.
Bis etwa zum Jahr 1930 wurden die Glocken noch mittels Seilen geläutet, Teile der Seilführungen sind bis heute noch im Innern des Kirchturmes sichtbar. Danach baute die Pfullinger Firma Turmuhren-Walz eine elektrische Läuteanlage ein. Nun konnten die Glocken bequem per Handschalter im Eingangsbereich des Turmes geläutet werden. Seit dem Jahr 1986 steuert ein Computerprogramm das Läutewerk der Glocken.

Im oberen Teil des Kirchturmes, welcher im Jahr 1773 eine barocke Umgestaltung erfuhr, hängen heute insgesamt vier Glocken mit einem Gesamtgewicht von über 3 Tonnen in zwei Glockengeschossen. Alle Glocken wurden bei der Glockengießerei Kurtz in Stuttgart gegossen. Um den gesamten Glockenstuhl beim Vollgeläut aller vier Glocken nicht einseitig zu belasten, schwingen die beiden großen Glocken im unteren Glockenstuhl von Nord nach Süd und die beiden kleineren Glocken im oberen Glockenstuhl von Ost nach West.
Die älteste und zugleich kleinste Glocke heute ist die Taufglocke und stammt aus dem Jahr 1921. Diese Glocke wurde als einzige Glocke während des 2. Weltkrieges nicht eingeschmolzen und verblieb im Glockenstuhl. Am 23. März 1950 wurde das Vierergeläut durch drei neue Glocken wieder komplettiert. Das Glockengeläut der Martinskirche ist nach den ersten vier Tönen der Melodie des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme ...“ aufgebaut.

 

  • Dominikaglocke  (Sonntags- oder Festtagsglocke), Glocke in des, Gewicht 1680 kg, Glockeninschrift „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden“, läutet samstags um 18.00 Uhr den Sonntag ein und begleitet das Vaterunser im Gottesdienst.
  • Kreuzglocke  (in Erinnerung an die Geschehnisse an Karfreitag), Glocke in f, Gewicht 824 kg, Glockeninschrift „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, läutet täglich um 11.00 Uhr (die hereinbrechende Finsternis am der Tag der Kreuzigung Jesu; in früheren Zeiten zusätzlich ein Hinweis für die Pfullinger Menschen, von denen viele im Bereich der Landwirtschaft auf den Wiesen und Feldern außerhalb der Stadt arbeiteten, auf das zeitlich nahe Mittagessen um 12.00 Uhr) und um 15.00 Uhr (die Todesstunde Jesu).
  • Betglocke  (ruft die zur Andacht und zum Gebet), Glocke in as, Gewicht 488 kg, Glockeninschrift „Wachet und betet“, läutet täglich um 6.00 Uhr morgens und um 18.00 Uhr abends.
  • Taufglocke  (läutet während der Taufhandlung und im Vollgeläut mit den anderen drei Glocken), Glocke in b, Gewicht 342 kg, Glockeninschrift „Das Reich muss uns doch bleiben“, läutet ansonsten nur im Vollgeläut mit den anderen drei Glocken. Die Taufglocke hat als einzige Glocke kein seitliches Schlagwerk.

Eine Glocke wird entweder geläutet (geschwungen durch den Antrieb vom Läutewerk her) oder aber mittels Schlagwerk an der Seite durch einen Hammer angeschlagen. Alle 15 Minuten werden unterschiedliche Glocken zum Anzeigen der jeweiligen Uhrzeit angeschlagen.


Ein besonderer Dank geht an Herrn Hermann Heyd, der sich als wichtiger Zeitzeuge sehr mit der Geschichte der Glocken der Martinskirche befasst hat und der mir in diesem Zusammenhang wertvolle Hinweise geben konnte.

 

Martin Fink         Stand: 28.10.2009

 

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Das Jahr 1463 - Zeichen werden gesetzt

 

Pfullingen im Jahr 1463: Schon lange planten und arbeiteten die Baumeister, vermutlich aus der Bauhütte um Aberlin Jörg, an dem Kirchenneubau im Chorraum. Die dreischiffige Vorgängerkirche, wahrscheinlich zu datieren auf das 12./13. Jahrhundert, war baufällig geworden. Die Kirchenrechte der Martinskirche waren durch eine königliche Schenkung schon im frühen 14. Jahrhundert an das Kloster Salem gegangen, das sich fortan um die Pflege und den Erhalt des Kirchenbauwerkes kümmern musste. Das Kloster erhielt zu dieser Zeit sämtliche hiesigen Kircheneinkünfte, zu denen auch Zehntrechte auf der Pfullinger Gemarkung zählten. Außerdem hatte das Wort des Abtes Gewicht, wenn es um die Besetzung der Pfarrstelle an der Martinskirche ging. Dieser Abt war nun Bauherr und somit Geldgeber für den heutigen Chorraum.

 

So ließ er 1463 durch den Baumeister nicht nur den Schlussstein hoch oben im netzgewölbten Chor setzen, sondern bestimmte auch noch weitere markante Punkte, die bis zum heutigen Tag den Chorraum der Kirche prägen.

 

Zunächst legte der Abt fest, dass im vorderen Schlussstein Maria als Himmelskönigin dargestellt wird, wohl als Zeichen für die damals stark zunehmende Marienverehrung, die auch Pfullingen erreichte und wahrscheinlich mit ein Grund für den recht großzügigen Kirchenneubau war. Zugleich stellte Maria die Schutzheilige des Klosters Salem dar.  Der mit Namen unbekannte Chefbaumeister aus der Schule um Aberlin Jörg sollte dauerhaft im Chorraum verewigt werden. Klein und bescheiden, sich aber seiner sehr großen Verantwortung bewusst, trägt er seither symbolisch die ganze Kirchenlast und stützt eine kleine Strebe an der Südseite des Chores. Der Baumeister ist in seiner für die damalige Zeit typischen Arbeitskleidung als Steinmetz gekleidet. Ein eng am Körper anliegendes Gewand tragend, fixiert durch einen Ledergürtel, trägt er als Kopfschutz eine schlichte Mütze aus Leder, die ihn vor Staub und Steinsplittern bei seiner gefährlichen Arbeit schützen soll. Sein Blick fällt auf sein Steinmetzzeichen, das in Wappenform links neben der Eingangstüre zur Sakristei abgebildet ist. Rechts ist das Pfullinger Stadtwappen mit dem Pfulben zu erkennen.

 

Das sehr aufwändig gestaltete Steinrelief des Heiligen Martin über dem Eingang zur Sakristei war dem damaligen Salemer Abt, seinem Baumeister und allen beteiligten Bauleuten Verpflichtung:
An zentraler Stelle im Chor sollte der Namenspatron, der Heilige Martin, hoch zu Pferd bei der Mantelteilung an den Bettler, dargestellt werden.

Der Heilige Martin in zweierlei Funktion: Als Zeichen für den Namen der Martinskirche und als Hinweis auf das Gebot der Nächstenliebe als dauerhafte Mahnung für alle Kirchenbesucher, von denen damals wohl die wenigsten des Lesens und Schreibens kundig waren, zumal die allgemeine Schulpflicht in Württemberg erst später im 16. Jahrhundert unter Herzog Christoph eingeführt wurde.

 

Am östlichen Ende der Nordwand des Chores bewachen die beiden gemalten Engel die Hostien in der kleinen Sakramentsnische.


Martin Fink         Stand: 28.10.2009

 

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Die älteren Glasfenster - gemaltes Evangelium

 

 

Das Mittelfenster im Chor der Martinskirche zeigt Jesus bei der Bergpredigt, umgeben von einer großen, zu ihm aufschauenden Gemeinde. Darunter sind die vier Evangelisten dargestellt. Im unteren Teil sieht man einen deutlichen Hinweis auf den Stifter dieses zentralen Kirchenfensters: „Gestiftet von Louis Laiblin Privatier 1905“. In der Stifter-Banderole ist außerdem mehrfach das Familienwappen der Familie Laiblin dargestellt.

 

Louis Laiblin (1861 – 1927), aus einer alteingesessenen Papierfabrikantenfamilie stammend, zählte neben Robert Bosch und Gustav Siegle zu den damals wohl bedeutendsten Mäzenen in Württemberg. Viele Mitglieder der Familie Laiblin, aber vor allem Louis Laiblin selbst, stehen in Pfullingen und weit darüber hinaus für zahlreiche Stiftungen im kulturellen, sportlichen, kirchlichen und sozialen Bereich.

 

Für dieses Mittelfenster beauftragte Laiblin mit der Entwurfsplanung den Maler und Glaskünstler Rudolf Yelin den Älteren, der seinerseits durch den Kunstmaler Hummel unterstützt wurde. Die Ausführung selbst erfolgte durch die bekannte Stuttgarter Glasmalerwerkstätte Valentin Saile. Das Kirchenfenster wurde am 24. Mai 1905 eingesetzt und kostete den Stifter insgesamt 2.350 Goldmark. Die eigentliche Entwurfsplanung schlug mit 700 Goldmark zu Buche, Kunstmaler Hummel erhielt 250 Goldmark und 1.400 Goldmark berechnete Glasmaler Saile an den Stifter Louis Laiblin für die eigentliche Ausführung.

Louis Laiblin spendete erstmals beim Umbau der Kirche im Jahr 1889/90 einen größeren Geldbetrag für Altar und Kanzel, es folgten weitere Gaben für wohltätige Projekte der Kirchengemeinde sowie im Jahr 1909 die Stiftung für ein elektrisches Ventilatorgebläse der Orgel. Dabei spendete der Geheime Hofrat und Privatier stets projektbezogen, da er genauestens wissen wollte, wofür seine Geldspenden letztendlich verwendet wurden.


Das rechte Fenster an der Südseite im Chor wurde im Jahr 1904 von Pfarrer Martin Keppler, geboren 1830 in Pfullingen, gestiftet. Martin Keppler wanderte nach Amerika aus und war dort in New York als Pfarrer tätig. Im Fenster wird Jesus beim Jüngsten Gericht dargestellt, flankiert von Friedens- und Gerichtsengeln. Die künstlerische Gestaltung lag in den Händen von Rudolf Yelin dem Älteren, die Ausführung dieses Bildes erfolgte ebenfalls durch die Stuttgarter Glasmalerwerkstätte Valentin Saile. Kepplers nach wie vor sehr enge Verbundenheit zu seiner alten Heimat kommt in diesem Fenster auch dadurch zum Ausdruck, dass direkt unter der Christusdarstellung die Pfullinger Martinskirche mit dem Georgenberg im Hintergrund zu sehen ist.


Das linke Fenster an der Südseite im Chor stellt die Emmausgeschichte dar und steht in direkter Verbindung zu dem nach Amerika ausgewanderten Pfarrer Martin Keppler. Das Fenster wurde zum Andenken an Cecilie und Martin Keppler von deren Nachkommen im Jahr 1913 gestiftet und stammt ebenfalls aus der Stuttgarter Glasmalerwerkstätte Valentin Saile, ebenso die Gestaltung durch Rudolf Yelin dem Älteren.

 


Martin Fink         Stand: 28.10.2009

 

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Pfarrertafel an der Südwand des Kirchenschiffs